Das Grundprinzip: Vier Wirtschaftsszenarien

Die Genialität der All-Weather-Strategie liegt in ihrer Einfachheit. Dalio erkannte, dass es im Wesentlichen nur vier wirtschaftliche Umgebungen gibt, die die Performance von Anlageklassen bestimmen:

  1. Steigendes Wirtschaftswachstum — Aktien, Unternehmensanleihen und Rohstoffe profitieren
  2. Fallendes Wirtschaftswachstum — Staatsanleihen und Gold steigen
  3. Steigende Inflation — Rohstoffe, Gold und inflationsgeschützte Anleihen (TIPS) profitieren
  4. Fallende Inflation (Deflation) — Langfristige Staatsanleihen und Aktien steigen

Die meisten Anleger positionieren ihr Portfolio unbewusst für nur eines oder zwei dieser Szenarien. Ein klassisches 60/40-Portfolio (60 % Aktien, 40 % Anleihen) ist beispielsweise stark auf steigendes Wachstum und fallende Inflation ausgerichtet. Kommt es zu einer Stagflation — also schwachem Wachstum bei hoher Inflation — leidet ein solches Portfolio erheblich.

Die All-Weather-Strategie löst dieses Problem, indem sie das Portfolio so aufteilt, dass in jedem der vier Szenarien ein Teil des Portfolios profitiert.

Die konkrete Portfolio-Aufteilung

Die klassische All-Weather-Aufteilung, die Dalio in Interviews und seinem Buch beschrieben hat, sieht folgendermaßen aus:

Auffällig ist der hohe Anleihenanteil von insgesamt 55 %. Das liegt daran, dass Anleihen weniger volatil sind als Aktien. Um das Risiko (nicht den Kapitaleinsatz) gleichmäßig zu verteilen, benötigt man mehr Kapital in der weniger volatilen Anlageklasse. Dieses Konzept nennt Dalio „Risk Parity" — Risikogleichgewicht.

Historische Performance: Was sagen die Zahlen?

Ein Backtest der All-Weather-Strategie über die letzten 50 Jahre zeigt beeindruckende Ergebnisse:

Besonders beeindruckend ist das Verhalten in Krisenjahren. Während der Finanzkrise 2008 verlor der S&P 500 rund 37 %. Das All-Weather-Portfolio verlor im selben Zeitraum nur etwa 3,9 %. In der Dot-Com-Krise 2000–2002, als der Nasdaq über 75 % einbrach, erzielte das All-Weather-Portfolio sogar leichte Gewinne.

„Die größte Gefahr für Investoren ist nicht die Volatilität — es ist das Risiko, dauerhaft Kaufkraft zu verlieren." — Ray Dalio

Umsetzung für Privatanleger: ETFs als Baustein

Die gute Nachricht: Die All-Weather-Strategie lässt sich mit wenigen kostengünstigen ETFs einfach umsetzen. Hier eine beispielhafte Zusammenstellung für europäische Anleger:

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Enthält Dalios detaillierte Erklärung der All-Weather-Strategie für Privatanleger.

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Rebalancing: Der Schlüssel zur Disziplin

Ein entscheidender Aspekt der Strategie ist das regelmäßige Rebalancing. Mindestens einmal pro Jahr — idealerweise halbjährlich — solltest du die Gewichtungen überprüfen und bei Bedarf anpassen.

Wenn beispielsweise Aktien stark gestiegen sind und nun 38 % statt 30 % des Portfolios ausmachen, verkaufst du den Überschuss und investierst ihn in die untergewichteten Anlageklassen. Dieses systematische „teuer verkaufen, günstig kaufen" ist ein wesentlicher Renditetreiber der Strategie.

Anpassungen für das aktuelle Umfeld

Die klassische All-Weather-Aufteilung wurde in einer Zeit konzipiert, als Anleihen noch deutlich höhere Zinsen abwarfen. Im aktuellen Umfeld gibt es einige Überlegungen:

Anleihenanteil überdenken: Bei niedrigen oder steigenden Zinsen können langfristige Anleihen erheblich an Wert verlieren. Einige Anleger ersetzen einen Teil der Anleihen durch inflationsgeschützte Anleihen (TIPS) oder kürzen die Duration.

Bitcoin als Ergänzung: Einige moderne Interpretationen des All-Weather-Portfolios ersetzen einen kleinen Teil der Gold-Allokation (1–3 %) durch Bitcoin als digitalen Wertspeicher. Dies bleibt jedoch umstritten und ist mit deutlich höherer Volatilität verbunden.

Immobilien-REITs: Eine weitere Anpassung besteht darin, einen kleinen Teil (5 %) in börsennotierte Immobilienfonds (REITs) zu investieren, um eine zusätzliche Inflationsabsicherung zu erhalten.

Vor- und Nachteile der Strategie

Vorteile:

Nachteile:

Fazit: Ein solides Fundament für unsichere Zeiten

Die All-Weather-Strategie ist kein Weg, um schnell reich zu werden. Sie ist ein Weg, um Vermögen langfristig zu bewahren und stetig zu vermehren — unabhängig davon, was die Wirtschaft macht. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen niemand mit Sicherheit vorhersagen kann, ob uns Inflation, Deflation, Wachstum oder Rezession erwartet, bietet sie ein robustes Grundgerüst.

Wer sich tiefer mit der Materie beschäftigen möchte, dem empfehlen wir auch unseren Artikel über Ray Dalios aktuelle Warnungen und die Investment-Regeln von Warren Buffett.

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